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Tiny houses - Ein positiver Beitrag zum Klimaschutz?

von W&W-Team
Lesezeit: 12 Minuten
Tiny houses - Ein positiver Beitrag zum Klimaschutz?

Bei der Untersuchung des Heizengergiebedarfs pro Person verbrauchen tiny houses überraschenderweise 7x mehr als moderne Passivhäuser, jedoch auf einem Drittel der Wohnfläche pro Person. Das tiny house Konzept ist daher keine Lösung für die Bekämpfung des Klimawandels – jedoch ein interessanter Denkanstoß durch Reduzierung weniger zu verbrauchen. Diese Reduzierung ist jedoch in einem modernen Passivhaus aus mehreren Gründen um ein vielfaches zielführender als in einem tiny house.

Tiny houses sehen häufig nicht nur schick aus und versprechen ein tolles Lebensgefühl. Die Idee findet eine boomende Anhängerschaft. Tagungen, Artikel und Beiträge in allen Medien füttern die Interessierten und weisen den Weg, dass die Reduktion des Einzelnen nicht gleich mit Verzicht auf Lebensqualität verbunden sein muss. Tiny houses wollen auch Antworten auf die Fragen unserer Zeit geben: Sie wollen eine Lösung sein für bezahlbaren Wohnraum in einem explodierenden Wohnungsmarkt in unseren Großstädten.

Ganz nebenbei suggeriert die extreme Verkleinerung an Wohnfläche und Volumen, dass man mit dieser Wohnform einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leistet. „Wer auf wenig Raum lebt, muss auch wenig Raum beheizen.“ So die einfache Argumentation der tiny house Fans.

Der grundsätzliche Denkansatz der tiny houses ist sehr sinnvoll: „Wer auf wenig Raum lebt, muss auch wenig Raum beheizen, unterhalten, usw...“

Betrachtet man den durchschnittlichen Wohnflächenverbrauch in Deutschland muss man sich schon wundern. Seit Jahren diskutieren wir über steigende Mieten und das sich immer mehr Menschen Ihre Wohnung nicht leisten können. Es könnte doch so einfach sein: Wohnfläche reduzieren und schon sinken Miete und Nebenkosten. Wenn man von der heute üblichen Wohnfläche von 45m² pro Person auf die 35m² aus den 1990er Jahren zurück käme würde man erheblich sparen; völlig unabhängig vom Gebäudetypen. Die Wohnungswirtschaft wäre hinsichtlich der Klimaziele schon einen großen Schritt weiter. Warum darüber kaum jemand spricht, ist unverständlich.

Bei der Analyse des Heizenergiebedarfs geht die Gesetzgebung grundsätzlich von einem flächenbezogenen Ansatz aus. Die Fachwelt argumentiert auch auf dieser Basis. Dieser Ansatz würde dem tiny house Konzept aber nicht gerecht werden. Der festgestellte Heizwärmebedarf der tiny houses wäre, bezogen auf die kleine Fläche, immens hoch. Wir halten es daher für sinnvoll eine „footprint“-Ansatz zu wählen und beziehn den Verbrauch daher auf den einzelnen Bewohner.

Die in der Grafik 2 dargestellten Passivhäuser sind real umgesetzte Projekte und haben einen Flächenbedarf pro Person wie in den 1990er Jahren, obwohl es allesamt aktuelle Neubauten sind. Aus Gründen der Vergleichbarkeit sind wir dann bei diesem Wohnflächenbedarf geblieben. Zum Beispiel ein Einfamilienhaus mit 140m² Wohnfläche und 4 Personen.

Ob die tiny houses hier wegen der sinnvollen Flächenreduktion auch hinsichtlich des Heizenergiebedarfs auf dem richtigen Weg sind, ist wegen des Booms dieser Wohnform Anlass für uns, sich einmal systematisch dem Thema zu widmen:

Systematische Analyse des Heizenergiebedarfs

Vorbemerkungen

Entscheidend für den Heizenergiebedarf eines Gebäudes ist weniger die zu beheizende Fläche als vielmehr die Hüllfläche des Gebäudes gegen die Außenluft, also die Außenwände, das Dach und der Boden zum Erdreich oder Keller. Eine Wohnung, gerade in einem größeren Wohnhaus gibt im Durchschnitt zur Wohnung darüber, darunter und nebenan genau so viel Wärme ab, wie über die Nachbarwohnung gewonnen wird. Verluste treten nur an der Außenwandfläche auf. Die Dachgeschosswohnung hat beispielsweise Wärmeverluste über die Außenwände und das Dach, braucht also prinzipiell mehr Heizenergie.

Der weitere entscheidende Faktor für den Heizenergieverbrauch ist der Dämmstandard der Bauteile. Im Laufe der letzten Jahrzehnte dürfte niemandem verborgen geblieben sein, dass man mit Wärmedämmung Heizenergie sparen kann. Hier liegt das erste Problem vieler Tiny houses.

Soll ein tiny house mobil bleiben und beispielsweise auf einem Anhänger transportiert werden können, so darf es nicht breiter als 2,55m sein. Jeder Zentimeter mehr Außendämmung bedeutet daher einen Zentimeter weniger Breite zum Wohnen. Die meisten tiny houses sind daher vergleichsweise schlecht gedämmt. Um die gesetzliche EnEV (Energie-Einsparverordnung) einzuhalten würden ca. 20cm Wandaufbau nur für die Dämmung benötigt. Das ist der Grund, warum die meisten Erwerber keine EnEV-konforme Ausführung wählen. Die Hausinnenbreite würde auf etwa 2m sinken. Eine Dämmung die über die Mindestanforderungen der EnEV hinausgeht, ist bei der mobilen Art von tiny house kaum vorstellbar. Ausnahme wäre eine Dämmung mit wenig umweltfreundlichen synthetischen Schäumen, was die meisten Interessenten erfreulicherweise ablehnen. Vorherrschender Baustoff ist Holz.

Möglich wird die Unterschreitung der Mindestdämmung, weil die EnEV nur für Gebäude gültig ist, die als Erstwohnsitz genutzt werden sollen. Der tiny house Bewohner müsste also noch über einen Erstwohnsitz an anderer Stelle verfügen.

Wie schlagen sich tiny houses aus heizenergetischer Sicht im Vergleich zu konventionellen Gebäuden?

Analyse auf den Gebäudebestand bezogen

Um diese Frage zu beantworten wurden 3 unterschiedlich große tiny house-Modelle, die auf dem Markt angeboten werden, durchgerechnet. Dabei wurde die Dämmung einmal so angenommen, dass die beschriebenen Anforderungen der EnEV eingehalten werden. Dem gegenübergestellt wurde eine Do-it-yourself (DIY) Variante, für die Dämmeigenschaften auf Bauanleitungen aus dem Internet fußen. Letzlich wurde eine tiny house Planung angenommen, die eine Ausführung mit Passivhausdämmung und Lüftungsanlage mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung unterstellt. Weniger Energie kann ein tiny house nicht verbrauchen.

Zum Vergleich wird der Heizwärmebedarf durchschnittlicher, konventioneller Gebäude unterschiedlicher Baualtersklassen betrachtet. Bei der Gegenüberstellung ist zu beachten, dass zur Bewertung des Heizenergiebedarfs jeweils die Nutzenergie pro Person herangezogen wird.

Die Bewertung allein auf Basis der Nutzenergie bedeutet, dass ausschließlich die energetische Qualität des Hauses bewertet wird. Eine Vermischung der Gebäudequalität durch unterschiedliche Wirkungsgrade von Heizsystemen wird vermieden. Jedes Gebäude könnte mit einem mehr oder weniger effizienten System ausgestattet werden.

Für die tiny houses wurde eine Fläche von 10m²/Person , für die Standardhäuser etwa 30 bis 35m² pro Person angenommen. Die tiny houses mit Dämmung nach EnEV verbrauchen durchgehend weniger Heizenergie pro Person als der ältere, unsanierte Bestand. Der Heizwärmebedarf (pro Person) eines solchen tiny houses liegt etwa in der Größenordnung eines Mehrfamilienhauses, das um das Jahr 2000 erichtet wurde. Es verbraucht deutlich mehr als ein modernes Haus. Das übliche tiny house auf Rädern, mit wenig Dämmung, liegt in der Nähe des Niveaus eines Einfamilienhaus aus den 1980er bis 1990er Jahren.

Fazit: Eine Person in einem 10m² tiny house verbraucht genausoviel Heizwärme wie eine Person in einem älteren, schlecht gedämmten Einfamilienhaus auf 35m² Fläche. Erst wenn man das tiny house wie ein modernes Passivhaus dämmt und ausstattet, ist der Verbrauch geringer als der in einem aktuellen Standard-Gebäude ab 2016, allerdings auch wieder auf weniger als 1/3 der Wohnfläche.

Zukunftsfähige Baustandards

In Zukunft werden wir klimaneutrale Gebäude bauen müssen, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Wir werden Neubauten so dämmen und auszustatten müssen, dass der Energiebedarf so gering wie möglich ausfällt. Den Lösungsansatz liefert hier der bereits bekannte Passivhausstandard, der schon heute wirtschaftlich umsetzbar ist.

Der Vergleich der tiny houses mit diesem Zukunftansatz für klimaneutrales Bauen zeigt, dass die tiny houses dieses Ziel sehr deutlich verfehlen. Sogar das „künstlich“ geschaffene tiny house mit Passivhausdämmung verbraucht pro Person dreimal soviel Heizwärme wie die Passivhäuser und das auf 1/3 der Wohnfläche.

Warum ist das so? Tiny houses sind klein, wie der Name schon sagt und kleine Dinge haben bezogen auf ihr Volumen eine große Hüllfläche. Praktisch bedeutet das, dass ein tiny house immer deutlich mehr Energie verbrauchen wird als ein Einfamilienhaus und extrem viel mehr als ein Mehrfamilienhaus. Die Reduzierung der Wohnfläche kann dies in keiner Weise kompensieren.

Tiny Houses sind daher keine Lösung für die Klimaprobleme unserer Zeit.


Tiny houses haben aber noch ein anderes Problem: Tiny houses sind freistehend. Wie etliche Werbebilder suggerieren steht das tiny house in idyllischer Landschaft frei und allein am Rande eines Sees. Aus Gründen des Naturschutzes ist Bauen im Außenbereich ohnhin nicht zulässig. Zudem haben wir in Deutschland ein grundsätzliches Flächenproblem. Freistehende Einfamilenhäuser verbrauchen viel Fläche, tiny houses noch mehr.

In dem ersten tiny house village in Mehlmeisel im Fichtelgebirge sollen auf 17.000m² 35 Grundstücke für tiny houses entstehen. Jedes Haus hat damit fast einen Bruttoflächenverbrauch von 500m². Wie viele Menschen hier einen Wohnraum finden werden, wissen wir nicht, aber rechnerisch werden es dem tiny house Konzept folgend zwischen 35 und 70 Menschen sein.

Vergleicht man das mit dem Bau eines Mehrfamilienhaus (3-geschossiger Baukörper), bei dem jedem Bewohner 22m² mehr individuelle Fläche zur Verfügung stehen als im durchschnittlichen tiny house, so könnten bei dieser Art von Bebauung auf der gleichen Fläche, inklusive Gemeinschaftsbereichen und Außenanlagen, über 350 Menschen wohnen.

Letztlich ist das tiny house Konzept ein sinnvoller Denkanstoß. Er führt uns vor Augen, welches Potential in der Reduktion auf das Wesentliche steckt. Diesen Denkanstoß könnte man nutzen und in zukunftsweisende Bauformen übertragen. Die Zukunft liegt in energiesparenden Häusern, die auf gut genutzten Grundstücken mit wenig Flächenverbrauch auskommen. Der einzelne Mensch benötigt individuelle Freiräume innerhalb und außerhalb des Gebäudes. Diesem Wunsch ist Rechnung zu tragen.

Das tiny house ist sicherlich nicht die Zukunft, aber trotzdem danke tiny house!

Verfasser:
Dipl.-Ing. Ralph Wortmann, Dipl.-Ing. Klaus Wember, Tim Wenhake B.Eng.